Alle Beiträge von G. S.

# Fiktion und Wirklichkeit_13

Freitag, 12. Mai 2017

Zugfahrt nach Frankfurt Main. Cyberattacke auf die Deutsche Bahn und weltweit 70000 andere Institutionen. Wagenstandsanzeige und damit Platzkartenreservierung ausgefallen. Der letzte Wagen ist der erste. Die Passagiere rennen mit Koffern, Kinder und Rollatoren eine Minute vor Abfahrt den Bahnsteig entlang. Die Plätze doppelt belegt. Selbstorganisation: Es werden Lösungen gefunden. Junge stehen auf, um älteren Menschen Platz zu machen. Erstaunlich.

Die Tagung Narrativa findet auf dem Mediencampus in Frankfurt statt. Ich stelle dem Taxifahrer das Navi ein. Wir finden den Weg.

Samstag, 13. Mai 2017

Tagung Narrativa im Mediencampus Frankfurt am Main:  Es geht ums Erzählen, um narrative Strukturen. Im Internet, im eigenen Blog, in Computerspielen. Jeder erzählt etwas, auch wenn er nicht erzählt. Das Erzählen ist weltweit auf dem Vormarsch, sagt Meike Feßmann.

Mit T.H. über Wirtschaft, Hotels, Dienstflüge, Tyrannenmord und seinen ersten Roman unterhalten.

wnarrativa

Im Zug von Frankfurt Main nach München am Abend. Mit Musik von Vivaldi, Mozart und Schuhmann im Ohr fahre ich in die Nacht. Ich stelle mir vor, der Zug fährt jenseits von Zeit und Raum und die Nacht höret nimmer auf zu fahren, derweil da draußen die Welt untergeht. Das mit dem Weltuntergang ist von Nordkorea inszeniert – so meine Vorstellung.

Prüfe, was ich an Kulturgütern so alles im Zug bei mir habe, damit mir die Ewigkeit nicht langweilig werde: „Die Schachnovelle“ von Stefan Zweig, die gesammelten Werke von Shakespeare – alles digital. Musik von Lambshop, „American Psycho“ von Bred Easton Ellis als Film.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Mail von T.H. aus Israel. In der Lobby seines Hotels finde gerade ein Dating orthodoxer Juden statt. Ob sie dazu „dating“ sagen?

T.H. per Mail mitgeteilt, dass mich seine Beschreibung des Datings angeregt hat ein Essay zu schreiben, das seltsamerweise bei der Neurowissenschaft endete.

Samstag, 20. Mai 2017

Über die alte Brennerstraße auf den Weg nach Brixen. P. erzählt mir von seiner letzten Fahrt mit der Harley über den Brenner und wie er seinen Freund, der sich mit der Harley überschlug, aus einem Geröllfeld gezogen hat. Leidlich unversehrt.

Sonntag, 21. Mai 2017

Auf 1.500 Höhenmetern vom Balkon eines kleinen Hotels in Afers den ganzen Tag die Alpen angeschaut.

wsüdtirol

Dienstag, 30. Mai 2017

In einem offenen MRT könne man sogar einschlafen, so toll sei das, sagt die Moderatorin, die die Radiologie Praxis vorstellt. Der Film läuft im Wartezimmer, die Ärzte erklären in dem Film wie man Venen reinigen, Tumore in der Brust, verkalkte Schlagadern finden kann. Jeder der Wartenden, der hereintritt, nimmt sich schnell eine Zeitschrift und hält sie vors Gesicht. Bloß nicht diesen Film ansehen.

Das offene MRT ist lauter wie ein Presslufthammer. Die Geräusche fremdpsychodelisch. Die Magnetressonanz maltretierte den Kopf und den Körper. Auf dem Weg zu meinem Auto suchte ich vergeblich Mr. T. Die Ohrgeräusche waren weg. Nur noch die Worte des Arztes im Ohr: Normaler Befund! Nun gut. Kopf: Normaler Befund!

Mittwoch, 31. Mai 2017

Vom Fernsehturm im Olympiazentrum auf das Olympiastadion geschaut: Der Rasen wird für das Konzert mit Coldplay vorbereitet. Bespreche mit S. wie sie sich am kommenden Dienstag im Falle eines Anschlages verhalten kann, vor allem wegen der ihr anvertrauten Menschen.

wOlympiastadion

Freitag, 2. Juni 2017

Ich habe Essays von Siri Hustvedt gelesen „Lesen, denken, schauen.“ Bin bei den Essays übers Schauen angekommen. Es ist 21.45 Uhr, sitze auf der Dachterrasse, vor mir ein halbvolles Glas Wasser – das in Wirklichkeit halbleer ist – und daneben ein Solarglas – ein Einweckglas mit einer Solarzelle drauf, das Licht spendet.

wBuchsh

Ich folge Siri Hustvedt – die hat eine Flasche Pellegrino betrachtet – und betrachte das halbvolle Glas Wasser und schaue wie das Solarlicht im Wasser und im Glas reflektiert, sodass auf der Tischplatte, die ebenfalls aus Glas ist – Mattglas – ein Gebilde entsteht, das wie eine Wirbelsäule aussieht. Das Licht scheint auf dem dicken Glasboden zu liegen – liegt es im Moment – und von unten hoch zu strahlen. Das Wasser bewegt sich mit der Schreibbewegung meiner Hand. Es zittert usw. usw.

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