#Fiktion und Wirklichkeit_18

Samstag, 4.11.2017

Spaziergang ans Ende der Welt

Irgendwo zwischen Miesbach und Fischbachau sind wir in einer Geschichte verschwunden. Auf der Suche nach der Jakobskapelle am Auerberg. Der Jakobsweg mehr eine Idee als ein Weg, die im eigenen Haus beginnt und zum Ende der Welt führt, steht geschrieben. Die Kapelle, die wir suchten, vom italienischen Architekten Michele de Lucchi fürs 21. Jahrhundert erbaut und im Juli 2012 geweiht, wähnten wir nicht am Ende der Welt.

Wir liefen los mit Bildern im Kopf, Landkarte und Fotos auf dem Rücksitz im Auto zurücklassend. Wir irrten über Feldwege und Hügel von Gehöft zu Gehöft. Die Kühe rissen träge den dürr gewordenen Sommer aus dem Novembergras, schauten von Hügelkuppen auf uns herab. Wie ich versunken im durchweichten stinkenden Wiesengrund das GPS meines phones beschwöre. Mir unbekannte Namen tauchen in bekanntem Gebiet auf wie Feinde. Halmannseck, Grosskirchen, Glückstatt, Rettenbach, Engelsberg. Frauen im Schalkgewand werden von Männern in Autos mit Münchener Kennzeichen irgendwohin gefahren. Nichts woran wir uns halten können. Ein Anruf bei Freunden: Das ging uns auch so. Heißt es. Ihr müsst einfach suchen, Leute fragen.

Abseits von bekannten Wegen tritt ein Lachen in eine Stadltür. Ein Jüngling mit rasierter Brust tanzt über eine Terrasse, verkündet: „Wir machen novemberdicht.“ und vebeugt sich vor der Frau, die hinter dem Lachen hervortritt. Die sei die Richtige. Die kann uns den Weg weisen: Durch den Wald, drei Minuten, drei Bauernhöfe, zwei Kapellen, von der oberen nach unten links schauen. Da steht die Kapelle von 2012. Wie schön sie ist. Wie schön sie ist. Eine gute Wahl, Sie werden sehen.

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Ein schmaler Schlupf die eicherne Tür. Kaltes Mauerwerk. Muschelkalk. Ummantelt eng, rückt auf die Haut. Die Eichenstufen hoch treten übers Feuer ins Licht. Im Bullauge der Kapelle taucht der Himmel auf. Weiß-Blau. Da draußen ist jemand. Eine Frau, die ihren Kopf verborgen unter einem Strohut, laut schimpfend nach einem schwarzen Stein im Muschelkalk suchend um die Kapelle mäandert. Findet den schwarzen Stein nicht, nicht den Schlupf in den Mantel aus Stein. Sie zerhackt die Stille mit lautstarken Worten. Der Mann schweigend an ihren Fersen.

Wir sehen das Kreuz am Horizont, das in die Ferne weist, machen die Linien aus, die Michele de Lucchi fürs 21. Jahrhundert in die Sichtachse des Pilgers religionsübergreifend gehoben. Lassen auf der Wasserschale zwei brennende Kerzen zurück.

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