Blog „Fiktion und Wirklichkeit“ von Gesina Stärz
# 89 fiktion_wirklichkeit
Mittwoch_27_5_2026
Fahrt nach Zürich mit dem Zug. Zu meinem Verlag. Blick aus dem Fenster: Abgestorbene Bäume wachsen wie eine neue Spezies aus dem Grün der Wälder. Jedes Jahr werden es mehr. Das Glas ist halbvoll, denke ich, weil es gut ist so zu denken. Die Bäume sind maigrün. Eigentlich. Etwas erschöpft nur, weil lange kein Regen. Das wird schon wieder. Mit dem nächsten Landregen, der sie gleichmäßig berieselt. Ich lese weiter Buch, und zwar im Roman „Kairos“ von Jenny Erpenbeck. Ich lese, dass Hanns Eisler auf 14 Arten den Regen beschrieben hat. Musikalisch? Ich frage die KI, solange es die Internetverbindung im Zug zulässt. Ich lese, dass „14 Arten den Regen zu beschreiben“ ein bedeutendes Kammermusikwerk aus dem Jahr 1941 ist. Ich habe keine Kopfhörer dabei. Eine Frauenstimme ertönt aus dem Lautsprecher. Sie heißt uns in Schweizerdeutsch in der Schweiz Willkommen.
Neben mir – zwischen uns ist der Gang – sitzt Elizabeth Strout. Sie sitzt sehr gerade, sehr aufrecht vor ihrem Laptop – die Sitze lassen anderes Sitzen nicht zu – und tippt wie ich in den Laptop. Sie stieg ein paar Stationen nach München zu. Wir sahen uns in dieAugen, sie begrüßte mich lächelnd und es lag so ein stilles Erkennen in ihrem Blick. Als erkannten wir uns an unserer Herkunft und wüssten, was es bedeutete auf eigene Kosten in der ersten Klasse zu sitzen.
Um uns Geschäftsreisende. Sie lassen sich Kaffee mit Hafermilch vom Servicepersonal des Boardrestaurants in Porzelantassen servieren. Einer der jungen Geschäftsreisenden telefoniert mit seiner Schwester. Er wirkt etwas genervt. Es geht um ein Erbe, das sie erhalten haben. Er sagt, dass sie, die Schwester, Brutto wie Netto das Erbe ausgezahlt bekomme, er hingegen jeden Monat 30 Prozent Erbschaftssteuer an den Staat zahlen müsse. In einem früheren Testament, verfasst im Jahre 1990, hätten sie die Westendstraße bekommen, aber das Testament sei nicht mehr gültig. Der Schwester wird das Gespräch vermutlich zu anstrengend. Sie teilt ihrem Bruder mit, dass sie jetzt schwimmen gehe. Der Bruder gibt ihr den Segen: Ja, gut. Dann geh mal jetzt schwimmen.
Ich sollte mein Büro in einen ICE verlagern. In die erste Klasse. Täglich durch die Landschaft irgendwohin fahren. Mir Espresso servieren lassen und den Telefonaten von jungen Geschäftsreisenden zuhören. Dann hätte ich Geschichten in Echtzeit.
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