Samstag, 28.5.2016

Ausstellung von Karl Orth und Kathrin Höhne in Poing. Karl Orth fragiles Menschsein in Eisen. Kathrin Höhne Variationen von nacktem Körper in Totholzwurzeln. In Poing leben viele Künstler, sehr viele, sagt Karl Orth. Ja, und Tiere im Wildpark.

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Plakat Ausstellung von Karl Orth und Kathrin Höhne in Poing

P. rast auf München zu. Autobahnzubringer Prinzregentenstraße. In meinen Gedanken rasen die Avatare von denen der Philosoph Thomas Metzinger im Spiegel-Interview berichtet. Vielmehr von seinem Erleben in verschiedenen Avatargestalten.

Die Entwicklung der menschlichen Kultur läuft darauf hinaus irdische Welt mit geistigen Welten um ein Vielfaches zu erweitern. Immerhin unterscheidet unser Gehirn nicht zwischen geistiger Fiktion und mit den Sinnen wahrnehmbarer Wirklichkeit.

P. schlängelt sich durch die Fahrzeuge auf dem Innenstadtring. Wir sitzen vor dem Stadtmuseum in der Sonne, trinken Weißwein, vor uns die Mauer der Synagoge. Passanten gehen vor der Mauer entlang, als wäre sie der Bühnenhintergrund. Wie verschieden Menschen gehen: Mit rudernden Armen, den Kopf nach vorn gebeugt, den Blick nach innen gerichtet, die Beine hinterher schleppend, unter unsichtbarer schwerer Last gebeugt die Füße auf den Asphalt plumpsend.

6.6.2016

Frühstück mit der Schriftstellerin Diana H. vor dem Café Mels in Sendling. Frisches Rührei. Croissant. Kaffee. Gelegentlich bleibt ein Passant stehen, begrüßt Diana. Ein Verlag wartet auf ihr Buch. Sie hat sich dennoch eine kleine Pause gegönnt. Sonne seit Tagen. Der Regen der vergangenen Tage hängt als modriger Geruch in der Luft.

Mit der U-Bahn zum nächsten Termin. Eine junge Asiatin fährt einen Kinderwagen in den U-Bahnwagon. Ihre Tochter mit rosa Schleife im Haar staunt mit großen Augen die Menschen an. Ein älterer Mann scherzt mit dem Mädchen, neben ihm eine Gestalt, vermutlich eine Frau, von Kopf bis Fuß in ein schwarzen Gewand gehüllt. Selbst die Augen sind nicht zu erkennen. Die Spitzen von Turnschuhen schauen unter dem Gewand heraus. Ich versuche Anzeichen zu erkennen, die auf eine Frau hinweisen. Vielleicht der Oberarmbogen, der sich unter dem schwarzen Umhang abzeichnet, könnte von einer Frau sein. Im Gesicht, da wo ich die Wangen vermute, eine Ausbeulung.

In einem Café am Tegernsee saß kürzlich ebenfalls eine Frau, vollverschleiert. In feinen schwarzen Stoff gehüllt, der mit Schmucksteinen verziert. Die Augen zu sehen: schöne große dunkle Augen, schwarz umrandet. Geheimnisvoll. Vielleicht Schönheit. Die Haut, wo sie zu sehen, fein wie Porzellan, mit ihr vermutlich ihr Mann und ihre beiden Söhne, alle elegant gekleidet, feine Gesichtszüge, ernst schauend. Befremdlich die Verhüllung und die Obhut der Frau durch die Männer. Aber: Keine Spur von Bedenken oder Angst, hatte ich.

Ich sitze fünf Meter von der Gestalt entfernt. Das kleine Mädchen einen Meter, der alte Mann direkt neben der Frau. U-Bahn Station Giesing. Ich steige aus. Zu beklemmend ist mir die Nähe der Gestalt. Die U-Bahn fährt an mir vorbei, verschwindet im Tunnel. Der Platz an der die mutmaßliche Frau saß, ist frei. Ich schaue den Bahnsteig entlang. Sie ist weg. In neun Minuten kommt die nächste U-Bahn. Diana hatte mir das Buch, in dem ihre neueste Kurzgeschichte erschienen ist, in die Hand gedrückt. „Blau“ heißt sie, hat sie gesagt. Ich blättere im Buch. Sie ist in erlesener Gesellschaft: T.C. Boyle, Elke Heidenreich, Siegfried Lenz, Uwe Timm.